Predigt zum 11. Sonntag nach Trinitatis (12.08.2018 Schornsheim/Udenheim)

 

Predigt

 

Ich will

dir

mit

meiner Predigt

 

nicht

den Kopf waschen,

 

nicht

die Leviten lesen,

 

nicht

den Marsch blasen,

 

sondern

 

dir 

Ermutigung schenken,

 

dir

Freiheit aufzeigen,

 

dich

in Bewegung setzen.  

 

Kurt Rainer Klein

 

 

Bibeltext:  Galater 2,16-21   

 

Galater,2

16 Doch weil wir wissen, dass der Mensch durch Werke des Gesetzes nicht gerecht wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus, sind auch wir zum Glauben an Christus Jesus gekommen, damit wir gerecht werden durch den Glauben an Christus und nicht durch Werke des Gesetzes; denn durch des Gesetzes Werke wird kein Mensch gerecht.

17 Sollten wir aber, die wir durch Christus gerecht zu werden suchen, sogar selbst als Sünder befunden werden – ist dann Christus ein Diener der Sünde? Das sei ferne!

18 Denn wenn ich das, was ich niedergerissen habe, wieder aufbaue, dann mache ich mich selbst zu einem Übertreter.

19 Denn ich bin durchs Gesetz dem Gesetz gestorben, damit ich Gott lebe. Ich bin mit Christus gekreuzigt.

20 Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dahingegeben.

21 Ich werfe nicht weg die Gnade Gottes; denn wenn durch das Gesetz die Gerechtigkeit kommt, so ist Christus vergeblich gestorben.

 

 

Predigt: Im Vertrauen auf Gott – frei vom Gesetz!

 

 

Dem Gesetz unterworfen

 

Frau Meyer ist gerade aus dem Urlaub zurück gekehrt. Sie war im Süden, vierzehn Tage, wo die Sonne den ganzen Tag scheint, ohne Wolken am Himmel. Braun gebrannt ist sie nun. Auch sonst legt Frau Meyer sehr viel Wert auf gutes Aussehen und ihr Äußeres. Regelmäßig ist sie sportlich unterwegs und gibt Acht auf ihr Gewicht und ihre Figur. . Schönheit bedeutet Frau Meyer alles.

 

Herr Müller hat keine Zeit für Urlaub. Er würde sich zu Tode langweilen. Nein, er kann seine Arbeit einfach nicht loslassen. Sein Tag hat weit mehr als acht Arbeitsstunden. Ob er überhaupt einmal an etwas anderes als seine Arbeit denkt, bezweifeln alle die, die ihn gut kennen. Was Herr Müller auch erreicht hat, alles hat er sich von klein auf mit unbändigem Fleiß und Zielstrebigkeit erarbeitet. Darauf ist er stolz.

 

Ob wir das Gesetz der Schönheit oder das Gesetz der Zielstrebigkeit betrachten, erkennen wir deren fordernden Charakter. Gesetze sind hart und unnachgiebig. Sie verlangen von einem, dass man sich ihnen beugt. Sie erwarten, dass man ihnen gerecht wird. Wird man es nicht, klagen sie an und zeigen uns unsere Versäumnisse und Verfehlungen, unser Ungenügen und Versagen.

 

Himmlischer Leistungssport

 

Ein alter rechtschaffener Mönch spürte seine letzten Tage kommen und machte sich auf, Gott entgegen zu gehen. Als er zum Himmelstor kam, pochte er erwartungsvoll gegen die mächtige Tür, aber sie blieb verschlossen. Traurig ging er ins Kloster zurück und nahm sich vor: Du       m u s s t noch strenger fasten, noch intensiver beten und noch länger schweigen!

 

Abgehärmt ging er ein Jahr später wieder den steilen Weg zum Himmel hinauf und klopfte. - Nichts rührte sich. "Was habe ich falsch gemacht?" dachte er. "Vielleicht, weil ich immer abgeschieden in meinen vier Wänden war und keinen einzigen Menschen bekehrt habe?"

 

Jetzt zog er in unermüdlicher Verbissenheit von einem Marktplatz zum anderen, und sobald er auf Menschen traf, predigte er: "Kehrt um! Ändert euch! Tut Buße! Sonst könnt ihr dem Strafgericht Gottes nicht entfliehen!" –

 

In froher Erwartung kehrte er nach einem Jahr zum Himmelstor zurück, sicher, jetzt eingelassen zu werden. Er schlug gegen die Pforte und - erbleichte: Nichts regte sich. "Ach", schoss es ihm durch den Kopf, "ich habe ja immer nur gepredigt und habe den Dienst am Menschen vernachlässigt."

 

Und er ließ sich in einem Krankenhaus als Krankenpfleger einstellen. Mit aller Zärtlichkeit, die seinen Händen geblieben war, wusch und pflegte er mit eisernem Willen ein Jahr lang die Kranken. –

 

Dann schritt er voller Hoffnung den Berg hinan. Er klopfte, klopfte lauter - nichts rührte sich. Traurig und enttäuscht setzte er sich neben das Tor. Er konnte nicht mehr.

 

Da rief die Stimme eines Kindes: "Komm, hilf mir", rief es aus einem Sandberg, "ich will hier einen Tunnel bauen, aber alles bricht wieder zusammen." Er freute sich über die Zuneigung des Kindes, das ihn, den alten Mann, rief, und selbstvergessen begann er mit dem Kind zu spielen.

Er vergaß all seine Anstrengung und Verbissenheit, das Richtige zu tun ... bis das Kind rief: "Schau mal, wie schön!" Er schaute in den feurig roten Sonnenball, der am Horizont ins Meer sank und dachte: "Ja, Gott, deine Welt ist so schön." Und er spürte, wie sein Herz ganz weit wurde voller Dankbarkeit.

 

Da knarrte die Himmelstür in den Angeln und öffnete sich, und der Mönch wusste, dass er jetzt eintreten durfte.

 

Sich geliebt wissen

 

Was muss ich tun, um ein guter Christ zu sein? Das ist eine Frage, die man sich selbst stellen kann. Mit Sicherheit werden dabei verschiedene Antworten herauskommen. Wenn man Menschen fragt, die etwas auf ihr Christsein geben, wird man vielleicht hören: „Freundlich, nett und hilfsbereit zu allen Menschen sein.“ Ein Anderer wird antworten: „Sonntags den Gottesdienst besuchen, das ist mir wichtig.“ Oder: „Am Sonntag keine Haus- und Gartenarbeit und kein Autoputzen.“ Wieder eine Andere wird sagen: „Ich pflege meine kranke Mutter, da tue ich meiner Christenpflicht Genüge.“ Es wird noch viele weitere Antworten geben, was einen guten Christen ausmacht.   

 

>Martin Luther beispielsweise ging ins Kloster, um Gott mit seinem ganzen Leben zu dienen. Andere kauften Ablassbriefe, damit all das, was nicht dazu gehörte, ein guter Christ zu sein, keine oder zumindest weniger Wirkung auf das Leben nach dem Tod hatte.
In reformierten Gemeinden in den Niederlanden durfte man als guter Christ keine Gardinen in den Fenstern hängen haben – weil gute Christen nichts zu verbergen haben.
Es gibt viele Regeln für das Christsein. Aber sie hängen immer mal wieder von den Zeiten und den Umständen ab. Auch die unterschiedlichen christlichen Kirchen haben keine einheitliche Antwort darauf.<

 

In einem Interview sagte einmal jemand: „Als Christ muss man dies und jenes tun. Die Kirche verlangt von einem dies und das, darum will ich nicht dazugehören.“ Paulus sagt uns heute, dass diese Ansicht schlichtweg falsch ist. Ich bin nicht Christ, weil ich regelmäßig in die Kirche gehe oder nett und freundlich zu anderen Menschen bin. Ich bin nicht Christ, weil ich den Sonntag als Ruhetag achte oder irgendwelche Regeln befolge. Das Kennzeichen eines Christen besteht einzig darin, dass wir um die Gnade Gottes wissen. Christ sind wir allein dadurch, dass wir von Christus geliebt sind und daran glauben. Mit Paulus Worten gesprochen: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir. Soweit ich aber jetzt noch in dieser Welt lebe, lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich hingegeben hat.“

 

Was würde es für Frau Meyer bedeuten, wenn sie angesichts ihres fortschreitenden Alters spüren würde, dass sie geliebt ist? Würde das Gesetz der Schönheit nicht seine Bedeutung verlieren?! Was hieße es für Herrn Müller, wenn seine Leistungsfähigkeit nachlässt, dass er sich geliebt fühlt? Würde das Gesetz der Zielstrebigkeit nicht unbedeutend werden?! 

 

Es geht also nicht darum, bestimmte Gesetze und Regeln zu befolgen, um Christ zu sein. Es geht darum, darauf zu vertrauen, dass Gott uns liebt und zu uns steht, dass er uns vergibt und uns Mut zuspricht, unser Leben zu leben.

 

Amen.

 

© Kurt Rainer Klein

 

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