Predigt zum Ewigkeitssonntag (26.11.2017 Schornsheim/Udenheim)

 

Predigt

 

Ich will

dir

mit

meiner Predigt

 

nicht

den Kopf waschen,

 

nicht

die Leviten lesen,

 

nicht

den Marsch blasen,

 

sondern

 

dir 

Ermutigung schenken,

 

dir

Freiheit aufzeigen,

 

dich

in Bewegung setzen.  

 

Kurt Rainer Klein

 

 

Bibeltext:  Jessja 65,17-19 + 23-25  

 

 

 

 

Predigt: Trauer braucht ihre Zeit!  

 

Jedes Jahr am letzten Sonntag im Kirchenjahr gedenken wir unserer Verstorbenen. Für diejenigen, die einen lieben Menschen verloren haben, ist das kein leichter Tag. Es geht einem mehr oder weniger nah, wenn wir über den Tod reden. Und jeder verbindet dabei seine eigenen Gedanken und Erinnerungen. Aber wo gibt es bei uns noch Raum, über den Tod zu reden? Die einen wollen davon nichts hören, die anderen gehen der Vorstellung von unserer Endlichkeit aus dem Weg. Die traurigen Tage im November zu durchleben, fällt vielen schwer. Da muss die Woche zwischen dem Totensonntag und 1. Advent schnell mit den Weihnachtsmärkten gefüllt werden, um den Tod und das Traurige auszublenden. Wir brauchen aber diese stillen Tagen, um auch das in den Blick zu nehmen, was an Schattenseiten zu unserem Leben dazugehört. Denn wer das Traurige und Schwierige immer aus seinem Leben verdrängt, wird dann, wenn er mit dem Tod konfrontiert ist, ohnmächtig und ratlos zurückbleiben und dafür keine angemessene Sprache finden.

 

Natürlich fällt es uns Menschen nicht leicht, über etwas zu reden, was wir alle nicht wollen. Schon seit Urzeiten hat man nach einer Sprache für das Unaussprechliche gesucht. In der Bibel finden wir viele Stellen, die sich mit diesem Thema auseinandersetzen. Wir finden Gedanken, die die Unzufriedenheit mit der Vergänglichkeit auszudrücken vermögen. Wir finden Worte, die den Schmerz und die Tränen beschreiben. Wir finden Bilder, die uns Mut und Hoffnung machen wollen. Und genau diese Sprache brauchen wir, damit wir den Tod aushalten können. Eine Sprache, die alles zur Sprache bringen kann: Die Hilflosigkeit, die Verzweiflung, die Ohnmacht vielleicht auch Wut, aber auch den Glauben, die Hoffnung, das Gehaltensein. Auf dem Weg unserer Trauer mögen wir an diesen Stationen vorbeikommen. Es mag sein, dass wir unterschiedlich lang verweilen. Da sind wir Menschen ganz verschieden in unseren Bedürfnissen. Aber wir wissen, dass wir nicht stehenbleiben dürfen, sondern weitergehen müssen, um das dunkle Tal zu durchschreiten und wieder im Leben anzukommen.

 

Das dunkle Tal ist das Tal unserer Trauer. Es ist ein tiefer Einschnitt in unserem Leben. Für eine gewisse Zeit mögen wir darin wie gefangen sein. Vielleicht weil wir sprachlos sind und keine Worte haben, die unsere Gefühle auszudrücken vermögen. Vielleicht weil wir die Einsamkeit suchen und mit unseren Gedanken, die es neu zu ordnen gilt, allein sein wollen. Vielleicht weil uns die Erinnerung lähmt und wir zu sehr in der Vergangenheit verhaftet sind. Vielleicht weil das  Unausgesprochene auf unserer Seele lastet. Vielleicht, weil es niemanden gibt, der uns zu verstehen scheint und ein aufmunterndes Wort für uns hat. Ja, es braucht seine Zeit: Um zu ordnen, um zu verstehen, um zu heilen. Das geht nicht von jetzt auf gleich. Das können wir auch nicht beschleunigen oder verkürzen. Das müssen wir einfach zulassen und schauen, wie unser Weg verläuft. Irgendwann aber werden die hohen Ränder des dunklen Tales kleiner. Irgendwann werden die langen Schatten kürzer. Irgendwann treten wir aus der Enge heraus und unsere Sicht weitet sich und die Hoffnung kehrt wieder.

 

Eine alte Legende erzählt: Zwei Mönche, die gemeinsam mit anderen in einem Kloster leben, haben seit vielen Jahren fast nur über ein Thema miteinander gesprochen: Wie wird es nach dem Tode sein?

Jeder von beiden hat seine Vorstellungen davon, jeder beschreibt dem anderen, wie er sich die jenseitige Welt denkt. Aber immer, wenn einer das Jenseits in bunten Farben geschildert hat, winkt der andere ab: "Anders!"

Anders wird es sein, anders als du es dir vorstellst! Und wenn dann der zweite wortreich seine Vorstellung vom Jenseits dargelegt hat, antwortet wieder der erste: "Anders!"

Schließlich vereinbaren sie: Wer von ihnen zuerst stirbt, soll dem anderen im Traum erscheinen und ihm erzählen, wie es nun wirklich ist! Tatsächlich erscheint der eine nach seinem Tod dem anderen im Traum, und der fragt ihn gespannt: Wie ist es denn nun wirklich?

Und die Antwort, die er hört, lautet schlicht, aber bestimmt: "Ganz anders!"

 

Es gibt Dinge, die wir nicht beschreiben können. Schon deshalb weil man sie selbst nicht erfahren hat. Und wie soll man das, was man nie gesehen hat, in angemessene und verständliche Worte fassen?! Die Bibel hilft sich, indem sie Bilder zur Sprache bringt, die das ausdrücken sollen, was jenseits all unserer Erfahrung liegt. "Ein neuer Himmel und eine neue Erde", die Gott schaffen will, ist ein solches Bild. Es gehört zu unserer Erfahrung, dass "die Stimme des Weinens und die Stimme des Klagens" in dieser Welt, in der wir leben, zum Alltäglichen gehört. Wir kennen das Werden und Vergehen, das Geboren werden und Sterben. Es gibt die Freude, aber auch das Leid. Und nichts ist vollkommen in dieser Welt. Der Tod mischt sich immer wieder ein und er fragt nicht, ob er willkommen ist. Er setzt unserem Leben eine Grenze und zerbricht unsere Beziehungen. Er lässt Schmerz und Trauer zurück und stürzt uns in die Klage hinein. Er lässt Fragen aufkommen, die nach einer Antwort suchen oder lässt Gefühle zurück, mit denen wir nicht so recht umzugehen wissen.

 

So ist natürlich die Sehnsucht groß und in uns allen zuhause nach "einem neuen Himmel und einer neuen Erde". Wer wünscht sich nicht eine Welt, in der Frieden die menschlichen Beziehungen prägt, ja wo selbst Wolf und Schaf – ein Bild für größtmögliche Gegensätze - friedlich miteinander leben. Also eine Welt ohne Leid und ohne Schmerzen, ohne Weinen und ohne Klagen. Jesaja spricht von einer Welt, in der Gott und Mensch zusammenleben. Ein Bild für das sicher Wohnen, für das Gehalten- und Getragensein. Wo wir nicht mehr zweifeln müssen, ob unsere Gebete erhört werden. Nein, wo es so sein wird, dass Gott sagt, "ehe sie rufen, will ich antworten; wenn sie noch reden, will ich hören." Und all das Vorige, was war und das Leben schwer machte, hat keine Bedeutung mehr. So eine starke Hoffnung ist wie ein zarter Lichtstrahl, der in unser Dunkel, in das dunkle Tal hineinscheint. Und dieser zarte Lichtstrahl lässt uns aufschauen gen Himmel. Er lässt uns aufatmen und neue Kräfte ins uns spüren, um diesem Hoffnungsstrahl zu folgen.

 

>Ein junger Mensch kam zu einem älteren, der vor einiger Zeit einen lieben Angehörigen verloren hatte. Er fragte ihn: "Wie kamst du mit deiner Trauer zurecht?"

Der Ältere antwortete lange nicht. Dann sagte er: "Ich will dir eine meiner Erfahrungen mitteilen. Nimm da den Korb mit den schmutzigen Steinen und geh hinten zu dem Brunnen, um Wasser zu schöpfen."

Der junge Mann kam unwillig zurück und sagte: "Warum soll ich das tun? Es ist doch sinnlos, mit einem Korb Wasser zu schöpfen, dazu noch mit schmutzigen Steinen gefüllt."

Doch der Ältere gab zur Antwort: "Tu, was ich dir sage. Der Gang wird deine Muskeln stärken,  das Gewicht wird irgendwann leichter werden. Geh noch einmal!" Der junge Mann tat es, kehrte aber nach einiger Zeit erzürnt zurück und sagte: "Eine sinnlose Arbeit!" Schau in den Korb!", sagte der Ältere, "siehst du, was mit den Steinen geschehen ist? Sind sie nicht schon fast

sauber geworden?"

Der junge Mensch verfiel ins Nachdenken und gab ihm schließlich Recht: "Es stimmt. Das Wasser können die Tränen sein, die abspülen, was im Moment des Todes alles so schmutzig und schwierig erscheinen lässt."

"Ja", sagte der Ältere, "so wirkt die Trauer: Sie ist zunächst eine schwere Arbeit, manchmal sogar Schwerstarbeit. Und sie erscheint sinnlos. Aber sie kann wieder zur Quelle führen und stärkt unsere Kräfte. Nur indem wir uns der Trauer stellen, ihre Schwere annehmen und

durchtragen, merken wir, dass sie im Laufe der Zeit leichter wird. Wir erkennen, wenn wir in Bewegung bleiben, wie die Kräfte wieder wachsen, die Dinge des Alltags selbst und allein zu tun, die früher der bzw. die andere getan hat. Das Belastende bleibt, aber die Last ist nicht mehr so schwer wie vorher, weil wir langsam wieder Kraftquellen finden."

Der Ältere hielt inne und dachte nach. Dann sagte er lächelnd: "Es ist auch wie der Gang zum Grab. Wir holen Wasser für die Blumen, die wir dem Verstorbenen mitgebracht haben. Die Blumen brauchen das Wasser, um aufzublühen und ihre Blüten lange zu erhalten. Der Tod ist

zwar etwas Endgültiges und trennt uns voneinander, aber warum sollen uns nicht die Blumen des Glaubens aufblühen? Wir Christen glauben, dass dem Verstorbenen neues, ewiges Leben geschenkt wird, also ihm neues Leben bei Christus erblüht. Warum sollen in diesem Glauben nicht auch uns, die wir zurückbleiben, neue Knospen sprießen, die uns Hoffnung und Zuversicht schenken."<

 

Amen

 

Amen.

 

© Kurt Rainer Klein

 

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