Osternachtgottesdienst - eine wiederentdeckte altkirchliche Tradition

Ein Erlebnisgottesdienst

Artikel erschienen im "Hessischen Pfarrblatt" im April 1996

Wenn am Ostersonntagmorgen in aller Dunkelheit noch vor Sonnenaufgang vielerorts Menschen ihren Weg in die Kirche finden, wollen sie die Osterbotschaft nicht nur hören, sondern erleben, wie die Nacht des Todes überwunden wird von dem Glanz der Auferstehung Jesu Christi.

Als ich Mitte der siebziger Jahre zusammen mit anderen Jugendlichen als Siebzehnjähriger zum erstenmal eine Osternachtfeier im weißen Gewande mitfeierte, überwältigte mich das Erleben, wie im Laufe des Gottesdienstes, der in aller Dunkelheit begann, das Licht der aufgehenden Sonne vom Altarraum her in die ganze Kirche einbrach und den Raum erleuchtete.

Gab es diese altkirchliche Tradition damals kaum in Rheinhessen und wurde man dafür vielfach belächelt, gehört sie heute in vielen evangelischen Gemeinden unseres Raumes zum festen Bestand österlicher Angebote. Der überraschend große Zuspruch, den die Osternachtfeier vor allem auch bei den sonst so schmerzlich vermißten jungen Menschen findet, ist ermutigend. Wird doch der Ansicht kräftig widersprochen, daß Religiösität im Zeitalter des Computers der Vergangenheit angehört.

Die Anfänge

Das Osterfest ist das älteste begangene kirchliche Fest, dessen Anfänge in das 2. Jahrhundert n. Chr. zurückreichen. So geht auch die Feier der Osternacht in die Frühzeit der Christenheit zurück. Da die Auferstehung Christi vor Sonnenaufgang geschah, und die Urkirche der Wiederkunft Christi am Ostermorgen glühend und mit hochgespannter Freude entgegensah, feierten die Christen in dieser Hoffnung ihren Gottesdienst die ganze Nacht hindurch oder zum Tagesanbruch. Um 311 hatte Lactantius geschrieben: "Das ist die Nacht, die von uns wegen der Parusie (=Ankunft Christi) unseres Königs und Gottes mit einer Nachtwache gefeiert wird. Sie hat einen doppelten Inhalt: in ihr empfing er das Leben damals, als er litt, und in ihr wird er später die Herrschaft über den Erdkreis gewinnen." (Divinae Institutiones VII) Zur altkirchlichen Osterfeier gehörten drei Dinge: das Fasten vor Ostern, die Vigilie in der Osternacht und das Brechen des Fastens am Schluß der Vigilie, der Nachtwache. Während sonst die Sonn- und Festtage im liturgischen Sinne mit der Vesper (=Abendgebet) am Vortage anfangen (Weihnachten beginnt mit der Christvesper am 24.12. um 18.00 Uhr, ansonsten erinnert das Einläuten des Sonntags noch daran!), beginnt die christliche Osterfeier erst in der Osternacht mit der Oster-"Vigil" (=Nachtgottesdienst). Vor allem Konstantin (ab 306 Kaiser - +337) beging die Ostervigil vorbildlich: "Die heilige Nachtwache verwandelte er in Tageslicht", indem er in der ganzen Stadt hohe Wachsäulen anzünden ließ, so daß die mystische Nachtwache heller wurde als der strahlende Tag.

Der Osternachtgottesdienst in der alten Kirche erhielt seinen besonderen Charakter durch die Zusammenschließung von Tauf- und Abendmahlsgottesdienst, wie er von alters her die einzige Gelegenheit bot, beide Sakramente in einer Feier zu verbinden. Mit der Lesung zwölf alttestamentlicher Lesungen, sogenannter Prophetien, die im Hinblick auf die Täuflinge mit Bedacht auf die durch die Taufe gewirkte "neue Schöpfung", Geistmitteilung und anschließende Spendung des Abendmahles ausgewählt waren, begann der Gottesdienst. Jede Lesung schloß mit einem Kantikum des Chores und einem Kollektengebet, das eine Deutung des biblischen Textes für das christliche Leben war. Danach führte man die Katechumenen (=Taufanwärter) zum Taufbrunnen, wo sie nach vorangegangener Wasserweihe getauft wurden, während die Gemeinde eine Litanei (=Bittgebet) betete. Schließlich wurde mit den Neugetauften das Abendmahl gefeiert. Kerzen erhellten besonders feierlich den in nächtliche Dunkelheit getauchten Raum, und jeder Teilnehmer - insbesondere die Neugetauften - trug eine Kerze. Hier liegt der Ursprung der Taufkerze, an der noch Martin Luther in seinem Taufbüchlein von 1523 festgehalten hat.

Im Laufe der Zeit erhielt diese schlichte Feier eine reichere Ausgestaltung. Der alte Kern indessen blieb im wesentlichen unberührt. Nur wurden diesem Kern stufenweise mehrere neue gottesdienstliche Teile vorangestellt, - eine Entwicklung, die sich in drei Abschnitten vollzog. Als erstes trat vor die Prophetien das Exsultet (=Osterlob), ein hochfestlicher Eingangsgesang des Diakons, dem sich die Weihe der Osterkerze anschloß. Später wurde davor das "Lumen christi" begangen: der feierliche Einzug der Liturgen mit der den auferstandenen Chri- stus symbolisiserenden Kerze. Erst im 8. Jahrhundert bildeten das Schlagen des neuen Feuers aus dem Stein und die Feuerweihe vor der Kirchtür den Anfang, - offensichtlich eine Parallele zu der altgermanischen Weihe des Frühlingsfeuers bzw. als deren Verdrängung.

Der Aufbau des alten Kerns nach den Prophetien erfuhr ebenso Veränderungen. An Stelle der verschwindenden Erwachsenentaufe gewann die zunehmend reicher ausgestaltete Segnung des Taufwassers solche Bedeutung, daß sie mehr und mehr zum wesentlichsten Stück der Feier wurde. Losgelöst von den nach- folgenden Taufen wurde das Taufwasser für ein ganzes Jahr "geweiht". Die "Allerheiligenlitanei" - Dank des Volkes Gottes für die umfassende Gemeinschaft der Zeugen des lebendigen Christus -, die zu dem am Ostersonntag erstmals wieder gesungenen "Gloria in excelsis" überleitete, blieb erhalten und eröffnete die Feier des Abendmahls nach der üblichen Meßliturgie.

Bestand der Inhalt der vorreformatorischen Osternachtfeier im wesentlichen in der Segnung des neuen Feuers und der Weihe des Taufwassers, so sind diese Elemente zugunsten der vollständigen Verlesung des Auferstehungsevangeliums als unevangelisch entfernt worden.

Udenheimer Praxis

Der altkirchliche und von der Reformation in neuer Gestalt übernommene Brauch eines Osternachtgottesdienstes hat in den letzten Jahren wieder Bedeutung im evangelischen Raum erlangt. Er trägt dazu bei, das Osterfest als Feier der Auferstehung Jesu - der wir ja sonntäglich gedenken - wieder als Urfest der Christenheit bedeutsam werden zu lassen.

Die heutige (evangelische) Feier der Osternacht in unserer Gemeinde Udenheim besteht aus fünf wesentlichen Teilen: 1. Die Bereitung - 2. Das Osterlob - 3. Das Taufgedächtnis - 4. Das Osterevangelium - 5. Die Mahlfeier:

Von der Kirchenempore herab bringen die Liturgen drei Lesungen zu Gehör, die bei der Erschaffung der Welt beginnen und über die Bosheit der Menschen mit der Sintflut als Strafe hin zum neuen Leben aus Gottes Geist führen. Nach dem Eingangslied wird unter der Empore die Osterkerze mit den Wachsnägelmalen versehen und entzündet. So wird das Licht in die Kirche getragen, das alle Welt erleuchten soll, während der Diakon dreimal "Christ, unser Licht" singt, worauf die Gemeinde mit "Gelobt sei Gott" antwortet.

Überhaupt lebt diese Feier von der Symbolik des Lichtes.: Die aufgehende Sonne erhellt im Verlauf des Gottesdienstes das dunkle Kirchenschiff und verkündigt den Übergang von der Todesnacht zum Auferstehungsmorgen. Die Liturgen tragen weiße Alben anstatt den gewohnten schwarzen Talar, worin die Fülle des Lichtes als Ausdruck überschwenglicher Freude und das Zeichen des Christus- festes zum Ausdruck gebracht wird. Zur Verdeutlichung des weißen gewandes: im Osterevangelium Matthäus 28,3 heißt es: "Und seine Erscheinung war wie der Blitz und weiß wie der Schnee" und Offenbarug 3,5 lesen wir: "Wer überwindet, soll mit weißen Kleidern angetan werden." (Ich finde es bedauerlich, wenn die Osternacht in manchen Gemeinden zur nächtlichlichen Unzeit vor Mitternacht gefeiert und in der Dunkelheit beendet wird. Wie kann man die Auferstehung Christi ohne symbolisches Erleben des Übergangs von Dunkelheit zum neuen Tag feiern und sich anschließend wieder ins Bett legen?) Das Ablegen der violetten und Anlegen der weißen Stola deutet den Übergang vom Leiden Jesu zur Herrlichkeit, womit der entscheidende Augen- blick - der Übergang von der Trauer über den Tod zur Freude über die Auferstehung - erscheint.

Das vom Kantor gesungene zweiteilige Osterlob (Exsultet) wird durch den Wechselgesang zwischen Liturg und Gemeinde unterbrochen. Daraufhin sind die Altar- und Bankkerzen zu entzünden, die das Ausbreiten des Lichtes in die Welt symbolisieren.

Das Taufgedächtnis erinnert jeden Mitfeiernden an seine eigene Taufe und das darin verbürgte neue Sein in Gott und die Hoffnung auf die eigene Auferstehung. In diesem Teil ist Gelegenheit, Taufen zu vollziehen. Anstelle des Apostolischen Glaubensbekenntnisses spricht unsere Gemeinde das Nicänum.

Die Verlesung des Osterevangeliums gipfelt im dreimaligen gesungenen Ostergruß "Der Herr ist auferstanden, Halleluja. Er ist wahrhaftig auferstanden, Halleluja" und wird durch die Predigt ausgelegt. Singt die Gemeinde "Christ ist erstanden.." läuten die Osterglocken.

Die abschließende Tischgemeinschaft, der Fürbitten für die Welt und das Vaterunser vorausgehen, wird als Eucharistie (=Dankmahl) für das dem Menschen von Gott geschenkte Heil in Christus gefeiert. Durch dieses Mahl wissen sich alle Gläubigen mit Gott und untereinander verbunden. Die Gemeinde wird mit dem Segen und der Einladung zum gemeinsamen Osterfrühstück im Gemeindehaus entlassen.

Die liturgische Feier der Osternacht eröffnet der protestantischen Engführung "Durch das Wort allein!" und der damit verbundenen Intellektualisierung des Glaubens einen Weg über das Herz und Gefühl des Menschen. Wissen wir doch heute, daß das Erleben viel tiefere Verwurzelungen schafft als das rein verstandesmäßige Verstehen und Begreifen. Der Mensch als Leib-Seele-Geist-Einheit ist darum auch in seiner religiösen Erfahrung als "ganzer" Mensch anzusprechen und ernstzunehmen, wie dies in dem Osternachtgottesdienst geschieht.

Kurt Rainer Klein

Zwei Osternacht-Liturgie-Entwürfe von Pfr. Kurt Rainer Klein finden Sie bei:
Neues Buch Verlag - Nidderau
In 1. Neue Gottesdienstliturgie, Band 1, Seite 428-447 (erschienen 2004)
In 2. Erkennt ihr die Zeichen, Seite 13+18+19 (erschienen 2010)
zu finden unter kostenlosem Download bei "Neues Buch-Verlag":
www.neuesbuch.de/shop/product_info.php?cPath=44&products_id=994